Die Geschichte der Erdbebenwarte

Geschichte der Erdbebenwarte

Die Entstehung der Erdbebenwarte, die große Zeit seismischer Forschung, der drohende Abriss und schließlich die erfolgreiche Rettung

Historische Erdbebenwarte

Die Geschichte der Erdbebenwarte

Die Leiter der Erdbebenwarte

Emil Wiechert (1898–1928)
Gustav Angenheister (1928–1945)
Julius Bartels (1946–1964)
Manfred Siebert (1964–1992)
Ulrich Christensen (1992–2003)
Wiechert’sche Erdbebenwarte Göttingen e.V. (seit 2005)

Chronologie der wichtigsten Stationen

1897
Emil Wiechert kommt von Königsberg nach Göttingen. Ihm gelingt die Konstruktion von Seismographen, die erstmalig wissenschaftlich brauchbare Aufzeichnungen für die Erforschung des Erdinneren liefern.

1898
Am 28. Januar wird Wiechert zum außerordentlichen Professor und im Februar zum Direktor eines Erdmagnetischen Instituts ernannt, das durch Verfügung vom 2. Juli mit entsprechenden Kompetenzen zum Institut für Geophysik erweitert wird. Es ist weltweit das erste Institut dieser Fachrichtung. Schwerpunkt der Arbeiten in den ersten fünf Jahrzehnten ist die Seismologie.

1899
Im Februar gibt es erste Erdbebenmessungen mit Pendeln und Lichtzeigern in der Sternwarte. Im Sommer werden weitere apparative Vorarbeiten im Keller der Sternwarte durchgeführt, Wilhelm Schlüter entwickelt den von ihm so bezeichneten Klinographen.

1901, Herbst
Das Institut für Geophysik zieht in das neue Gebäude auf dem Hainberg.

1902  
Das Erdbebenhaus wird fertig gestellt und sogleich in Betrieb genommen. Mit Ende des Jahres kann der Neubau des Instituts im Wesentlichen als beendet angesehen werden.

ab 1902
Die Göttinger Firmen Bartels sowie Spindler & Hoyer leisten einen wesentlichen Beitrag bei der Realisation der Seismographen.

1903
Im Januar starten die kontinuierlichen seismischen Aufzeichnungen mit dem astatischen Horizontalseismographen.

1905
Beginn der Registrierungen mit dem Vertikalseismographen, das 17-Tonnen-Pendel kommt ebenfalls in dieser Zeit schrittweise zum Einsatz, die Erdbebenstation in Göttingen wird eine der Hauptstationen im internationalen Netz für Erdbebenforschung, Wiechert wird zum ordentlichen Professor für Geophysik ernannt.

1906
bis 1906 sind astatische Horizontalseismographen nach Wiechert außer in Göttingen bereits in: Leipzig, Potsdam, Straßburg, Jena, Hamburg, Uppsala und Samoa im Einsatz. April: Vollständige Aufzeichnung der P-, S- und Oberflächenwellen des San Francisco Erdbebens; nach dem Loma Prieta Erdbeben 1989 in derselben Region erlauben die Daten der Göttinger Station einen unmittelbaren Verlgeich der beiden Beben. Hier finden Sie mehr Informationen: quake.wr.usgs.gov/info/1906/got_seismogram_lp.html (Seite in Englisch)

1908
Es entstehen weitere Stationen in Clausthal, Helgoland und Tsingtau (China), im selben Jahr starten aktive Experimente mit der so genannten „Mintrop-Kugel“, die den Beginn der seismischen Untersuchungen von oberflächennahen geologischen Schichtungen bedeuten.

1903 bis 1914
Die seismische Forschung in Göttingen macht sowohl auf dem Gebiet der Auswertung der Seismogramme als auch in der Theorie große Fortschritte, basierend auf den qualitativ hochwertigen Daten der Wiechert-Seismographen.

Grundlegende wissenschaftliche Publikationen zur Seismologie in dieser Zeit betreffen: seismische Dämpfung (Angenheister), Methode zur Lokalisierung von Erdbeben (Geiger-Methode), Erstellung von Erdmodellen (Wiechert, Geiger, Gutenberg), Berechnung von Amplitudenverhältnissen an Grenzflächen (Zoeppritz-Gleichungen), erster zuverlässiger Nachweis der Grenzfläche zwischen Erdmantel und Erdkern in 2900 km Tiefe (Gutenberg), Mikroseismik (Gutenberg), Kopfwellen (Mintrop-Welle), Inversionsmethode zur Erforschung der physikalischen Eigenschaften des Erdinneren auf der Grundlage der an der Erdoberfäche gemessenen Laufzeiten von Erdbebenwellen (Wiechert-Herglotz-Verfahren).

1921
Mintrop gründet die Firma Seismos, die weltweit vor allem nach Erdöllagerstätten sucht.

1923
Am 1. September 1923 erfolgt die vollständige Aufzeichnung des Erdbebens, das Tokyo zerstörte.

1928
Nach Wiecherts Tod übernimmt von Gustav Angenheister das Institut. Schwerpunkte der Arbeiten sind das Studium der seismischen Oberflächenwellen und die Untersuchung des Untergrundes zu bergbaulichen und bautechnischen Zwecken.

1945
Die Erdbebenstation auf Helgoland wird durch Bomben zerstört.

1945/46
Angenheister stirbt und J. Bartels wird sein Nachfolger. Unter ihm wird der Erdmagnetismus – im Zusammenhang mit der aufkommenden Weltraumforschung – zum Arbeitsschwerpunkt.

1947
Die Göttinger Erdbebenstation zeichnet die Explosion auf, mit der Helgoland gesprengt werden sollte.

1964
J. Bartels stirbt und M. Siebert übernimmt seine Stelle zunächst kommissarisch und ab 1968 als ordentlicher Professor. Die unter Bartels eingeschlagenen Forschungsrichtungen werden fortgeführt und erweitert, so auch ab 1974 verstärkt die elektromagnetische Tiefenforschung durch U. Schmucker.

1960-1990
Registrierung aller großen Nuklearexplosionen

1992
Ulrich Christensen wird neuer Leiter des Instituts. Neben seinem Forschungsschwerpunkt (Geodynamische Modelle) soll die Seismik ein neuer Schwerpunkt werden. Michael Weber (heute am Geophysikalischen Forschungszentrum Potsdam) kommt nach Göttingen. Das Institut leitet das „Eifel Plume Project“. Registrierung der Explosion eines Bombenblindgängers des 2. Weltkriegs in Göttingen (Schützenplatz)

1998
Registrierung der Explosion eines Bombenblindgängers des 2. Weltkriegs in Göttingen (Pfalz-Grona-Breite)

2003
Christensen wechselt an das MPI für Aeronomie, Katlenburg-Lindau, dass jetzt als MPI fuer Sonnensystemforschung (MPS) in Goettingen „angesiedelt“ ist. Seither ist diese Stelle unbesetzt.

2003
100-jährige Registrierung der stärkeren weltweiten Seismizität sowie der schwächeren regionalen Seismizität

seit 2003
In Göttingen findet keine seismische Forschung mehr statt. Der inzwischen 100-jährige Betrieb der Wiechertschen Erdbebenwarte wird (noch) weitergeführt.

2005
16.06.2005: Der aktuelle Leiter des Instituts für Geophysik, Prof. Karsten Bahr http://www.physik.uni-goettingen.de/verwaltung/members/Bahr.Karsten.html, ordnet im Hinblick auf den gerade erfolgenden Umzug des Instituts in den Nordbereich an, den Betrieb der Erdbebenwarte sofort einzustellen. Verein (Wiechert’scher Erdbebenwarte Göttingen e.V.) und Institutsmitarbeiter können die Geräte trotz einiger Schwierigkeiten nach wenigen Wochen wieder in Gang bringen.

Mitte Juni 2005: Das Institut für Geophysik zieht auf den Physik-Campus im Nordbereich der Universität Göttingen. Das Gelände wird vom Land Niedersachsen zum Kauf angeboten.

12.08.2005: Die Erdbebenwarte und das Gerüst mit der Mintrop-Kugel gehen in den Besitz des Vereins „Wiechert’sche Erdbebenwarte Göttingen e.V.“ über. Das Gauss-Haus bleibt Eigentum der Universität und wird vom Verein Wiechert’sche Erdbebenwarte Göttingen betreut. Der Kauf umfasst ebenfalls etwa die Hälfte des Geländes des ehemaligen Instituts für Geophysik.

Ausführlichere Angaben zur Geschichte des Instituts finden sich bei M. SIEBERT (1997, 1998)

Die Geschichte der Rettung der Erdbebenwarte finden Sie hier

Der Göttinger Hainberg, kurz nach 1900.
Der Göttinger Hainberg, kurz nach 1900.
Institut für Geophysik zwischen 1902 und 1906, zu der Zeit also, in der Wiechert und sein Team Göttingen zum Zentrum der seismischen Forschung machten.
Institut für Geophysik zwischen 1902 und 1906, zu der Zeit also, in der Wiechert und sein Team Göttingen zum Zentrum der seismischen Forschung machten.