„Ferne Kunde bringt Dir der schwankende Fels – deute die Zeichen!“

Dieses Motto Emil Wiecherts prangt über der Eingangstür zum Alten Erdbebenhaus.

Altes Erdbebenhaus

Im Alten Erdbebenhaus erlebt man historische Hightech! Der Hauptraum ist voll von funktionsfähigen Messgeräten: der astatische Horizontalseismograph, das 17 t Pendel und der Vertikalseismograph. Das Gebäude ist seit 1902 in Betrieb. Die Bodenplatte des Hauses aus „Stampfbeton“ liegt auf einem Muschelkalk-Felsen. Das Haus wurde klug konstruiert und schützt die empfindlichen seismischen Messgeräte vor Wärme und Feuchtigkeit.

Um zum Erdbebenhaus zu gelangen, muss der Besucher einem schmalen, von stetig ansteigenden Mauern gesäumten Waldweg folgen. Das Gebäude hat eine nutzbare Fläche von 65 m². Es besteht aus einem kleineren Vorraum, einem 40 m² großen Instrumentenraum und (seit 1970) einem Berußungsraum zur Herstellung der Rußpapiere, auf denen die Seismographen die Bodenbewegungen aufzeichnen.

Unterhalb der Erdoberfläche

Von der Länge des Hauses nimmt der Vorraum im Lichten 3 m, der Instrumentenraum 10 m in Anspruch; beide Räume sind 5 m breit. Im Instrumentenraum ist zur besseren Sicherung gegen Feuchtigkeit noch eine 3 cm dicke Asphaltschicht aufgegossen. Eine Doppeltür schließt den Vorraum nach außen hin, eine zweite den Instrumentenraum gegen den Vorraum ab. Der Fußboden des Hauses liegt 3 m unter der Oberfläche des Geländes. Die Innenräume sind bis zur Decke 2,5 m hoch, liegen also ganz unterhalb der Erdoberfläche. Beide Räume sind unter Anwendung von eisernen Doppel-T-Trägern überwölbt. Über dieser 22 cm dicken Decke ist zum besseren Wärmeschutz eine 23 cm dicke Torfmullschicht aufgeschüttet. Das Pultdach des Hauses lässt darüber noch eine Höhe von 0,5 m auf der einen, bis 1 m auf der anderen Längsseite frei. Das Dach ist nicht nur oben verschalt, wo die Dachpappe aufliegt, sondern auch unten, wodurch der Wärmeschutz noch weiter verbessert wird.

Schutz vor Feuchtigkeit

Bei dem Bau der Seitenwände, soweit sie im Erdreich stehen, mußte vor allem auf Sicherung gegen das Eindringen von Feuchtigkeit Bedacht genommen werden. Die gewählte Konstruktion, erdacht von dem Universitätsbaurat Kreisbauinspektor Breymann und dem Bauführer Krumbach, ist folgende: Außen, in dem Zwischenraum zwischen den Mauern und dem unberührt gebliebenen Erdreich, sind Steine geschüttet, so dass das Wasser keinen Halt findet; damit es sicher abfließt, ist unten noch eine besondere Abwasserleitung aus Tonröhren um das Haus gelegt, die vorn beim Zugangsweg mündet. Dieser konnte so in das Gelände eingeschnitten werden, dass er vom Erdbebenhaus gegen den Hof des Institutes noch ein Gefälle hat.

70 cm dicke Mauern

Die Mauern sind 70 cm dick; von außen nach innen folgen einander: Wasserundurchlässige Asphaltisolierpappe, wasserundurchlässiger Goudronanstrich, Bruchsteinmauerwerk, Luftschicht von 3 cm Dicke, Ziegelmauerwerk von 12 cm Dicke, wasserundurchlässiger Goudronanstrich, Zementverputz, der von einem Drahtnetz gehalten wird („Rabitzputz"), Ölfarbeanstrich. Die Wände oberhalb der Erde, welche den Dachraum einschließen, bestehen einfacher nur aus Bruchsteinmauerwerk von 45 cm Dicke und Ziegelmauer werk von 12 cm, getrennt durch eine 3 cm dicke Luftschicht. Der Instrumentenraum hat die Ventilation gegen den Vorraum hin. Im Übrigen wird er durch die Eingangsdoppeltür völlig abgeschlossen. Licht wird nur durch die elektrischen Glühlampen geboten.

Belüftung des Raumes

Die Ventilation besteht aus zwei Blechröhren von 12 cm Durchmesser an den Wänden, eine dicht unter der Decke, die andere dicht über dem Fußboden herumlaufend, die mit ihren Enden in den Vorraum münden und im Instrumentenraum in Abständen von je 0,5 m Öffnungen von 1,5 cm Durchmesser haben. Die Öffnungen im Vorraum können nach Belieben geschlossen und geöffnet werden, es ist auch Vorsorge getroffen worden, einen Luftstrom mittels eines elektrisch angetriebenen Ventilators hindurchzutreiben. Der Vorraum seinerseits hat eine Ventilation mit Hilfe von Schornsteinen. In der Praxis hat es sich freilich bisher gezeigt, dass die ganze Ventilationseinrichtung ohne Bedeutung ist und abgestellt werden kann. Offenbar sind bei den Türen und in der Decke usw.  genug Wege für die Luft, um den sehr geringen Bedarf zu decken. In der Tat sind ja bei geschlossenen Türen stets nur wenige Menschen und auf kurze Zeit im Hause.

Konstante Temperatur und Feuchtigkeit

Die relative Feuchtigkeit der Luft im Instrumentenraum wurde ursprunglich durch Chlorcalcium unter 85 % gehalten. Die Temperatur ist nach wie vor vorzüglich konstant, was mit Rücksicht auf die zum Teil sehr temperaturempfindlichen Seismometer von großem Wert ist. In der Regel bleibt die Tagesschwankung innerhalb 0,1 °C. Die Jahresschwankung, auf die es weniger ankommt, erreicht ca. 6 °C.

Seismographen stehen auf Felsboden

Trotzdem stehen die Instrumente, abgesehen von der ausgleichenden Zementschicht des Fußbodens, direkt auf dem gewachsenen Felsboden. Das ist sinnvoll, da die Last eines Menschen in ihrer Nähe schon erhebliche Ausschläge bewirkt, die zum Beispiel bei dem astatischen Pendel auf mehrere Millimeter gehen können. So war denn für den Verkehr ursprünglich eine „Hängebrücke" dicht über dem Fußboden angeordnet, die mit Ketten von der Decke getragen wurde; sie ermöglichte es dem Besucher, an alle Instrumente heranzukommen, ohne den eigentlichen Fußboden zu betreten. Man erkennt die Hängebrücke und tragenden Ketten auf historischen Abbildungen.

Noch heute findet der Besucher das Erdbebenhaus in der beschriebenen Weise vor, auch wenn die Luft schon lange nicht mehr mit Chlorcalcium entfeuchtet wird. Auch die "Hängebrücken" sind verschwunden und der Besucher kann erleben, wie der Druck, den sein eigenes Gewicht auf den Betonboden ausübt, zu Nadelausschlägen bei den hochsensiblen Geräten führt.



Besucherführung im Alten Erdbebenhaus.
Besucherführung im Alten Erdbebenhaus.
Tafel über dem Eingang des Gebäudes.
Tafel über dem Eingang des Gebäudes.
Historische Außenansicht von 1902.
Historische Außenansicht von 1902.
Historische Innenansicht von 1902. Die Hängebrücken an den Ketten sind gut zu erkennen.
Historische Innenansicht von 1902. Die Hängebrücken an den Ketten sind gut zu erkennen.