"Bewegendes" aus Göttingen

kein Erdbeben, aber eine Detonation

INSTITUT FÜR GEOPHYSIK – Wie die Detonation im Leinetal Geowissenschaftler beschäftigt

Ältester Seismograph schlägt um 9.19,28 Uhr aus

Da steht es weiß auf schwarz in den Ruß geritzt: Um 9.19,28 Uhr mitteleuropäische Zeit zündete im Leinetal die Bombe - oder was auch immer es war. „Ich dachte erst an ein lokales Erdbeben", sagt Wilfried Steinhoff, der technische Betreuer eines meßtechnischen Wunderwerkes. Aufgezeichnet wurde der exakte Zeitpunkt der Explosion in der Pfalz-Grona­Breite und deren Stärke nämlich von einem der ältesten noch im Dienst befindlichen Seismographen der Welt.

Seither beschert das myste­riöse Unglück den Wissen­schaftlern vom ältesten geophysikalischen Institut der Erde ei­ne interessante Abwechslung. Genau haben sie errechnet, wie stark das 3,34 km vom Seismographen entfernte Ereignis war: 0,4 µm Stärke der Raumwelle, 1,1 µm Stärke der Oberflä­chenwelle. Das alles entspricht einem Wert von 1,5 auf der of­fenen Richterskala für Erdbeben.

17 Tonnen pustend bewegt
Derartige Ereignisse, so zei­gen es die Meßblätter des seit 1904 ununterbrochen aufzeich­nenden Seismographen, kom­men nicht eben selten vor. „Vielleicht ein oder zweimal im Monat", sagt der Seismologe Dr. Jochim Ritter. “Wenn in Thüringen ein Stollen einer Kaligrube einstürzt, wenn im Vorharz Karstgebirge einfallen oder Steinbrüche sprengen, dann schlägt die Nadel auf den noch immer in Handarbeit ge­rußten Papierstreifen aus. „Ruß", so erklärt Steinhoff, „bietet der kratzenden Nadel den geringsten Widerstand."

Die historische Technik, einst erbaut für den Göttinger Seismologen-Papst Emil Wiechert (1861 bis 1928), verblüfft noch immer mit der Präzision des Aufzeichnungsgerätes. Die 17 t schwere Masse, ein rie­siger Behälter voller Schwerspat-Steine, verharrt auf einer nur Millimeter starken Spitze in Ruhe, auch wenn die Erde bebt. Die dann einsetzende Erdbewegung zeichnet sich auf das gerußte Blatt. Wie empfindlich der Koloß ist, führt Steinhoff gern vor: Er pumpt die Lunge voll Luft, bläst den Behälter an, schon schlägt die Nadel aus.

Ernsthafter hat Elmar Rothert, Student der Geowissen­schaften, die Aufzeichnungen vom 30. Dezember untersucht. Er hat sie mit jener Blindgänger-Detonation vom 21. De­zember 1992 auf dem Schützenplatz verglichen und festgestellt: Die Bombe vom Schützenplatz war mit 1,7 (gegenüber 1,5) etwas stärker.

ck